Das Arbeitsleben (2019 – 2020)

Es war jetzt ungefähr noch eine Woche bis zum Termin, den Freitag davor kam meine Oma ins Krankenhaus, da sie extrem Bauchschmerzen hatte. Sie bekam starke Medikamente aber sie schlugen nicht an, ich telefonierte mit ihr und sie sagte, sie habe starke Schmerzen und dass sie nicht mehr kann. Einen Tag darauf telefonierten wir wieder, es ging ihr besser und sie erzählte wieder sehr viel, so wie es immer war. Am Tag darauf ging es ihr auch noch gut und wir hatten ein tolles Gespräch. Sie stellten fest, dass sie einen Darmverschluss hat und wollten mit Medikamenten dagegen angehen oder sonst mit einer OP. Der Arzt sagte, wenn der Darmverschluss behoben ist, kann sie in zwei Tagen wieder nach Hause. Das freute mich zu hören, aber als ich sie am Montagabend anrief, hatte sie wieder starke Schmerzen und wollte auch gar nicht lange telefonieren, weil sie sich so erschöpft fühlte.

Am Dienstag rief meine Mama meine Oma an, da war sie gar nicht gut drauf, sie hatte schreckliche Schmerzen und wollte weder essen noch trinken. Am Abend rief ich sie wieder an, da ist sie nicht mehr ans Telefon ging, sondern mein Opa, er sagte nur: „Deiner Oma geht es im Moment nicht gut, der Arzt ist da, rufe mich bitte später zu Hause an“. Ab dort machte ich mir Sorgen. Etwa drei Stunden später rief meine Mama bei Opa an, ich konnte es einfach nicht. Opa erzählte, dass es Oma sehr schlecht gehe, sie schlimme Schmerzen habe und sie den Darmverschluss wahrscheinlich operieren müssen, da die Medikamente den Verschluss nicht gelöst haben.

Am Mittwochmorgen, den 18.09.19, war der Tag gekommen an, dem der Besuch vom Integrationsamt stattfinden sollte. Ich saß gerade beim Frühstück, da klingelte das Telefon, es war mein Opa der sagte, der Arzt habe ihn eben angerufen und gesagt, dass sie die Darm-OP sofort machen müssen und das Oma das nicht wollte. Der Arzt sagte dann, wenn meine Oma die Operation nicht macht, wird sie heute versterben und deswegen sollte die Familie kommen. Ich war total fertig und weinte, damit hatte ich nicht gerechnet! Ich musste mich aber zusammenreißen, weil der Termin war.

An der Arbeit angekommen, merkte meine Assistentin Sabine sofort, dass mit mir was nicht stimmte. Deswegen sprach sie mich an, da konnte ich nicht mehr und brach in Tränen aus. Aus diesem Grund gingen wir auf die Toilette, Sabine sagte jeder würde es verstehen, wenn du heute den Termin absagst. Ich sagte, sie haben es nur bis Ende dieses Monates genehmigt, wenn der Termin verschoben wird bzw. ausfällt, wer weiß ob sie dann einfach die Kosten für den nächsten Monat übernehmen. Dann stellte ich mich vor den Spiegel, wischte die Tränen weg und sagte: „Wir ziehen das jetzt durch und wir werden gewinnen“. Meine Oma hat immer zu mir gesagt, wenn es jemand schafft sie zu überzeugen, dann ich! Ich ging in die Umkleide, zog mich um und ging auf meine Station, dort wurde ich von allen Kollegen freundlich begrüßt, eine Kollegin kam sofort zu mir und sagte: „Alles in Ordnung?“, ich sagte nur: „Ja“, weil ich nicht darüber sprechen wollte. Dann sagte sie: „Du kannst wirklich schlecht lügen“. Alle waren total nett zu mir und lenkten mich ab, da wusste ich es noch mehr zu schätzen, dass ich solche Kollegen habe.

Ich animierte die Bewohner zum Essen und räumte dann die Tische ab und machte sie sauber. Dann war es kurz vor zehn und ich ging hoch ins Büro meiner Chefin. Bei dem Termin war eine Dame vom Arbeitsamt, zwei vom Integrationsamt, die Dame von der Selbsthilfe, meine Assistentin, die stellvertretende Chefin und ich. Ich war total nervös und gleichzeitig fand ich es total schlimm dort zu sein und mir Fragen anhören zu müssen, wobei ich tatsächlich Assistenz benötigte, während meine Oma die letzten Stunden am Leben ist. Nach noch nicht mal einer Stunde war das Gespräch beendet, mit dem Ergebnis, dass sie die Kosten tragen müssen. Da es sich tatsächlich nur um assistentische Maßnahmen handelt und nicht um pflegerische Maßnahmen während der Arbeitszeit. Wenn nämlich pflegerische Maßnahmen während der Arbeitszeit gewesen wären, dann hätte das Integrationsamt dies bestimmt nicht bezahlt, dann hätte die Krankenkasse noch mit eingebunden werden müssen. Gut, dass es sich so rausgestellt hat, jetzt wurden für ein Jahr die Kosten für meine Assistenz übernommen, nur bei den Kosten für den Fahrdienst musste ich einen Eigenanteil dazu bezahlen. Das sind im Monat zwischen 50,00€ und 60,00€ das finde ich aber vollkommen in Ordnung, für mich ist das zwar nicht wenig Geld, aber jeder andere der zur Arbeit fährt hat auch Kosten für Benzin.

Nach dem Termin hoffte ich zum ersten Mal, dass die Arbeitszeit schnell umgeht. Zu Hause angekommen, erzählte mir Papa, dass es Oma sehr schlecht gehe und die Darm-OP nicht mehr durchgeführt werden würde. Ich fragte nur, was es denn heißen würde, ich konnte mir natürlich denken, was es heißt aber ich musste es hören. Papa sagte, Oma würde im Laufe des Tages versterben, deine Mama, deine Tante und Opa wären bei ihr. Ich war total fertig, aber mein erster Gedanke und Frage an Papa war, weiß es Luisa schon? Papa sagte: „Nein, willst du es ihr sagen?“. Ich sagte, ne das könne ich nicht!

Dann rief Papa meine Schwester, an die gerade auf dem Weg zu ihrem Freund war, Papa sagte es ihr ganz sachlich und beendet das Gespräch. Ein paar Minuten später rief mich Luisa an, sie sagte, ich habe das jetzt nicht verstanden, was Papa genau sagen wollte. Ich war einfach total überfordert und reagierte natürlich mit emotionaler Stimme: „Papa wollte dir sagen, dass Oma heute sterben wird“, dann fing ich an zu weinen. Meine Schwester sagte „Nein“, und wir weinten zusammen. Ich glaube, dass war das schlimmste, was ich ihr je sagen musste, wir versuchten uns dann gegenseitig etwas aufzubauen und beendeten das Gespräch.

Etwa gegen halb fünf starb meine Oma und die letzten Stunden waren schrecklich, sie hatte starke Schmerzen und Mama sagte: „Sei froh, dass du nicht da warst“. Ich war auch froh, dass ich nicht da war, ich wollte sie so in Erinnerungen behalten, wie sie war.

Für mich war Oma die beste, sie war nett, freundlich, lieb, hilfsbereit, lustig, empathisch, organisiert, ordentlich, sympathisch, direkt, sehr kommunikativ absolut ehrlich und eine KÄMPFERIN! Sie war die ganze Zeit am Erzählen, sonst diskutierte sie gerne mit meinem Opa.

Ich glaube, dass mit dem vielen Erzählen habe ich von meiner Oma geerbt, wir telefonierten jeden Samstag oder manchmal auch dreimal die Woche. Aber am Samstag um 19:30 Uhr hatte wir immer eine feste Verabredung, es ging los mit: „Na, meine kleine Michi,“ oder „Na, Micky Maus, wie geht es dir?“ Wir sprachen über alles, es gab nichts, was wir ausließen, deswegen ging das Telefonat meistens mindestens eine Stunde. Jetzt vermisse ich jeden Samstag unser Gespräch, es fehlt mir einfach sehr. Auch wenn wir jetzt mit der Familie zusammensitzen, fehlt mir einfach was, besonders, wenn es dann ruhig wird, dann denke ich, Oma hätte sofort was Neues zu erzählen gewusst.