Das Arbeitsleben (2019 – 2020)

Mittlerweile war Februar geworden und wie von Arbeitsamt und Integrationsamt gewünscht, stellte ich ein halbes Jahr vorher wieder einen Antrag für die Übernahme der Kosten für den Fahrdienst und meine Assistentin. Es ist ja gut möglich, dass mir nach dem 31.07.20 ein unbefristeter Vertrag von GDA angeboten wird und dann muss natürlich alles schon beantragt und genehmigt sein. Für meine Bewohner dachte ich mir ein Spiel aus, dass wir gemeinsam erstellten und natürlich auch spielten: Für das Spiel benötigen wir sechs Felder mit unterschiedlichen Symbolen, die wir selbst erstellten (bastelten), ein Spielstein und einen Würfel, den wir uns von den Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel liehen.

So sehen die sechs Felder aus

Auf einem Feld sind Zahlen, wenn man auf dieses Feld kommt, wird gerechnet, auf dem Feld mit den Buchstaben, nenne ich einen Buchstaben und die Bewohner können mir dann einen Beruf, Namen, Tier, Nahrungsmittel und Gegenstand mit dem jeweiligen Buchstaben nennen. Auf dem Feld mit dem Fragezeichen stelle ich eine schwere Frage oder ein Rätsel. Auf dem Feld mit dem Buchstaben S beginne ich mit dem Anfang von einem Sprichwort und sie können es fortführen, auf dem Feld mit der Europakarte nenne ich ein Land und sie mir die dazugehörige Hauptstadt. Auf dem Feld mit der Hand, machen wir motorische Übungen für die Finger oder ich nenne den Bewohnern einen Begriff, sie können ihn zeichnen und die anderen Bewohner erraten es. Es funktionierte gut und machte uns großen Spaß.

Zur selben Zeit wurde in den Nachrichten immer öfter von dem Coronavirus berichtet, da bekam ich schon das Gefühl, dass das Virus uns länger beschäftigen und einige Opfer fordern wird. Aber damit, dass das ganze gesellschaftliche/soziale Leben fast komplett eingeschränkt wird und die Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen wird, damit hätte ich nicht gerechnet. Als dann Kitas, Schulen usw. geschossen wurden, wusste ich, die Situation ist ernst! Sarah schrieb mich an und erzählte mir, dass sie zu Hause ist und sagte, dass sie sich Sorgen macht, weil ich noch arbeiten bin und ich mich infizieren könnte. Das fand ich sehr rührend von ihr, dass ich ihr nach vielen Jahren, die wir uns nicht persönlich gesehen habe, noch so am Herzen liege. Das bedeutet mir viel!

Ich hatte einen Tag frei und musste wegen der Auffrischung der Tetanusimpfung zum Arzt, da hatte ich wirklich Angst mich zu infizieren, aber es musste sein.

Ich bekam die Impfung und mein Arzt fragte, ob ich noch zur Arbeit gehe. Ich antwortete: „Selbstverständlich“. Er sagte, es sei viel zu gefährlich für mich momentan zu arbeiten, wegen des Coronavirus, da ich wegen meiner Grunderkrankung zu den Risikopatienten gehöre. Ich erzählte von unseren hohen Sicherheitsvorkehrungen beim GDA und dass ich unbedingt weiterarbeiten möchte, um meine Übernahme nicht zu gefährden. Mein Arzt sagte dann: „Ich sage es Ihnen jetzt direkt, ist ihn die Arbeit oder ihr Leben wichtiger? Deswegen werde ich Sie erstmal zwei Wochen vorsorglich krankschreiben“. Nach den zwei Wochen bekam ich ein Beschäftigungsverbot vom Arzt.

Begründung des Beschäftigungsverbot

Ich durfte nicht raus, nicht zum Einkaufen und auch nicht für die Krankengymnastik (KG), für nichts, ich fand es schrecklich, nicht zur Arbeit zu dürfen. Gerade wo ich wusste, dass jetzt jeder gebraucht wird und natürlich hatte ich Angst dadurch meine Übernahme zu gefährden, ich fehle sonst nämlich nie. Und gegenüber meinen Kollegen hatte ich ein schlechtes Gewissen. Meine Chefin reagierte sehr verständnisvoll, ich war so froh für ihr Verständnis. Die Zeit zu Hause lenkte ich mich ab mit Sport, Fernsehen und damit dies hier zu schreiben. Aber für mich war ein Tag, den ich nicht nutze um andere glücklich zu machen oder etwas Positives für die Gesellschaft beizutragen, ein ungenutzter Tag! Ich vermisste meine Bewohner schrecklich, meine Kollegin Steffi hielt mich, Gott sei Dank, jeden Tag auf dem Laufenden, wofür ich ihr unendlich dankbar bin.

So konnte ich ein bisschen am Alltag teilnehmen. Ich fand es nicht in Ordnung, dass es in Deutschland keine Regelung bezüglich der Risikopatienten gab, in England und anderen Ländern gab es diesbezüglich schnell eine Regelung. Deswegen überlegte ich mir, wie ich etwas dazu beitragen kann, damit es voran geht. Ich rief beim Bürgertelefon in Göttingen an und fragte, ob sie schon etwas von der Regierung/Politik gehört haben, ob es diesbezüglich Beschlüsse gibt bzw. bald geben wird. Aber sie wussten auch nichts, deswegen entschied ich mich eine E-Mail an Maybrit Illner, Markus Lanz und Steffen Hallaschka (Stern TV) zu schreiben, damit Sie dieses Thema in Ihrer Sendung ansprechen und mit den Politikern darüber eine Diskussion führen. Dies schrieb ich in die E-Mail:

Sehr geehrte Frau Illner,

Sehr geehrter Herr Lanz,

Sehr geehrter Herr Hallaschka,

ich bin Michelle Hübner und 23 Jahre alt. Ich zähle aufgrund meiner Grunderkrankung (spinaler Muskelatrophie) zu den Risikopatienten. Ich habe vor einem halben Jahr in einem Pflegeheim angefangen, als Betreuungskraft, zu arbeiten. Ich habe einen befristeten Vertrag, von einem Jahr, erhalten. Bevor das Coronavirus aufgetreten ist, hatte ich gute Chancen, einen Folgevertrag zu erhalten.

Nun darf ich, aufgrund meiner Erkrankung, nicht mehr zur Arbeit und fürchte, dadurch bald meine Anstellung bzw. meinen Folgevertrag zu gefährden. Aus diesem Grund möchte ich Sie bitten, dieses Thema, in Ihrer Sendung zu thematisieren und von den Politikern, in Ihrer Sendung, eine Regelung für alle Risikopatienten zu fordern, wie es auch schon in England beschlossen wurde.

Mit freundlichen Grüßen

Michelle Hübner

Ich bekam aber leider keine Antwort auf meine E-Mails. Sonst setzte ich bei Whatsapp oft Statuse rein, um meine Kontakte immer wieder darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, sich an die Regelung von der Regierung zu halten. Den wenn man dies nicht tut, haben wir Leben auf dem Gewissen.