Der Bundesfreiwilligendienst (2017 – 2019)

An die Momente, in denen wir beide in der Schule nebeneinandersaßen und herum gealbert haben, bis wir beide irgendwann fast weinen mussten, weil wir so gelacht haben. Ich weiß nicht worüber wir so lachten, ich weiß nur das Michelle ihre Gefühle so schön tief fühlte und auch zeigen konnte. Wenn sie fröhlich war, dann lachte Sie so intensiv und auch wenn sie traurig war sah ich es ihr an. Sie berührt viel – im schönen wie im schweren.

Ihre Dünnhäutigkeit mit der Sie Menschen wahrnimmt und Ihnen offen Fragen über ihr Wohlbefinden stellt finde ich sehr bereichernd.

Ein Beispiel: Wenn mich etwas beschäftigte, es mir nicht gut ging oder ich traurig war schrieb ich im Unterricht Geschichten und Gedichte. Ich schrieb mich sozusagen aus der Situation weg…und Michelle – sie bemerkte es jedes Mal, sah mich mit ihrem weichen, zärtlichen Blick an und sagte: „Ich hab gesehen Du schreibst wieder Sarah. Geht es Dir nicht gut?“ Manchmal hatte ich den Mut ihr zu erzählen was los war. Manchmal nicht. Aber Sie nahm mich und meine Stimmungen war und das war beeindrucken, versuchte ich diese doch häufig zu verstecken.

Also wenn ich an Michelle denke, denke ich nicht an Ihren Rollstuhl.

Ich denke daran wie unglaublich gut Sie sich Geschichts-Daten merken konnte. Wirklich alle. Das war unglaublich! Dank Ihr gewann unsere Tischgruppe das ein oder andere Geschichts-Quiz. Ich denke an Ihre Träume, die Sie von Ihrer Zukunft träumt. Die Sie mir erzählte zwischen Unterrichtsstunden, Pausen und Schulaufgaben. Und ich erinnere mich daran wie ich dachte: „Da ist so viel Lebensfreude, so viel Mut und so viel Zuversicht in Ihrem Wesen.“

Mut.

Den hat Sie wirklich. Als Sie z.B. vor unserer Klasse ein Referat über Ihre Krankheit hielt. Es wurde ganz still, als wir sahen wie nah Michelle diese Situation ging. Ich verstand damals zum ersten Mal was ihre Krankheit bedeutete und wie Michelle darum kämpfte, dass sich Ihr Zustand nicht verschlechterte. Mut hatte Sie auch, als Sie immer wieder an Studien teilnahm in der Hoffnung ein Medikament gegen Ihre Krankheit zu finden. Ich hatte sehr viel Respekt vor diesen Strapazen, die Sie auf sich nahm und bin von Ihrer Zuversicht beeindruckt.

Im Schulalltag nahm ich Sie war wie jede andere Schülerin.

Mir wurde erst klar, dass Sie eingeschränkt wurde, als ich merkte das Sie nicht am Sportunterricht teilnahm oder mit auf Klassenfahrten kam. Oft sagte ich zu Ihr: „Komm doch das nächste Mal mit auf Klassenfahrt.“ Und sie sagte dann so etwas wie: „Ach Sarah, das ist so kompliziert.“ Damals verstand ich nicht so ganz was sie meinte. Jetzt verstehe ich es besser.

Es ist verdammt kompliziert.

Als Mensch mit Einschränkungen, der Unterstützung benötigt in unserer Gesellschaft zu leben. In einer Gesellschaft in der die menschlichen „Defizite“ gesucht, gefunden und gewertet werden, mehr als die individuellen Stärken. Menschen werden durch die Gesellschaft behindert. Das macht mich traurig.

Denn Stärken hat Michelle viele.

Ich bin unendlich froh, dass durch Ihren jetzigen Beruf so viele ältere Menschen von Ihrer feinfühligen, liebevollen Menschenkenntnis profitieren können und Sie diese Menschen mit Ihrem herzlichen Lachen beschenkt, so wie mich damals in Schulzeiten.

Auch ich träume.

Von einer Welt in der mehr Menschen wie Michelle eine Stärke entwickeln offen über Ihre Schwierigkeiten im Leben zu sprechen, Menschen wertschätzend, einladend und sanft mit Ihren Mitmenschen umgehen so wie Sie, Menschen keine Steine aufgrund ihrer gesellschaftliche gewerteten „Defizite“ in den Weg gelegt bekommen und Menschen wie Michelle und ich wirklich die gleichen Chancen erhalten, unsere Träume zu verwirklichen.

Ich konnte und kann viel von Michelle lernen und weiß, dass Sie eine großartige Zukunft vor sich hat, weil Sie ein wundervolles Geschenk für diese Welt ist!

Ich war von den Antworten sehr gerührt!! Ich hätte nie gedacht das ich so wertgeschätzt werde oder so ein Einfluss auf jemanden haben kann. Und ich war überglücklich nicht als die ROLLSTUHLFAHRERIN gesehen zu werden. Dies war bzw. ist mir unheimlich wichtig!

Nach den Seminaren freute ich mich noch mehr auf meine Arbeit.