Die weiterführende Schule (2008 – 2014)

Während dieser Zeit begann ich weniger zu essen, erst ließ ich das Brot in der Schule weg und aß stattdessen Gurken, später aß ich sogar kein Mittag mehr. Dort sagte Robin zu mir ich solle aufpassen, dass ich nicht in eine Magersucht rutsche, das hatte ich aber nicht ernst genommen.

Nach ein paar Monaten bekamen die Lehrer mit, dass meine Freundinnen und ich nichts miteinander machten und setzten uns an einen Tisch. Wir sprachen uns aus und machten ab dort wieder viel miteinander. Wir luden uns später sogar gegenseitig zum achtzehnten Geburtstag ein. Aber die Clique und der Junge lästerten weiter über mich zum Beispiel, dass ich so langsam sei und mit dem Rollstuhl immer den Ausgang an der Tür versperre. Tut mir leid, dass es sich mit dem Rollstuhl nicht gut auf dem Teppich fährt, Teppiche sind nun mal bremsend! Als ich einmal ein Oberteil mit Spitze angezogen hatte, lästerten sie, „Was zieht sie den sowas an, die würde doch eh kein Typ haben wollen, weil sie im Rollstuhl sitzt“. Und als ich einmal mit meiner Cousine und mit meinen Freunden am Tisch saß, bekamen wir einen Zettel mit der Aufschrift „Ihr seid alle fette Schweine zugeschmissen“.

Es war richtig gut, dass sie ausgerechnet mir so einen Zettel geschrieben hatten, ich hatte nämlich inzwischen richtige Probleme mit dem Essen. Zu meiner schlimmsten Zeiten habe ich 37 Kilo gewogen, bei einer Größe von 1,60 Meter. Ich war niemand, der die Kalorien gezählt hat oder das Essen abgewogen hat, ich habe von jeder Portion die Hälfte oder weniger als die Hälfte gegessen. Etwas Kleines zwischendurch, wie Gummibären oder ein Stück Schokolade kam nicht in Frage. Zusätzlich machte ich viel Sport, mehrere Stunden sogar und kurze Zeit später war ich sehr schlank. Ich dachte, durch eine gute Figur würde ich Anerkennung und Wertschätzung bekommen, außerdem dachte ich, dass ich dann von allen gemocht werden würde. Heute weiß ich, dass ich total naiv war und man nie erreichen kann, von allen gemocht, wertgeschätzt und anerkannt zu werden aber früher war mir die Meinung von anderen sehr wichtig, ich wollte es jedem recht machen. Wegen meines Gewichtsverlusts wurde ich irgendwann zu einer Psychologin geschickt, die wollte mich sogar einweisen lassen, wir einigten uns dann aber darauf, wenn ich zwei Kilo in zwei Wochen zunehme, komme ich um eine Einweisung herum. Dies tat ich dann auch. Nach einigen Malen weigerte ich mich zu der Psychologin zu gehen, weil es mir nicht half über meine Probleme zu sprechen. Ich muss bis heute hochhaltige Kaloriendrinks (Fresubin) trinken, damit ich mein Gewicht halten kann.

Was sie sonst noch lästerten, erzählten mir meine Freundinnen, mit denen ich mich wieder gut verstand. Ich hatte nie was zu der Mädchenclique und den Jungen gesagt, vielleicht dachten sie auch ich bekomme es nicht mit, oder dass es nicht so schlimm war, war es aber! Sie sollten ein paar Monate mein Leben leben, dann können wir uns wieder sprechen! Heute denke ich, ich hätte gleich beim ersten Mal was sagen sollen um ihnen dadurch zu zeigen, dass sie es mit mir nicht machen können. Dann wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Und ich hätte mich menschlich nicht verändert, denn ich wurde leise, zurückhaltend und misstrauisch gegenüber allen Menschen. Ich baute eine Mauer um mich herum auf um nicht verletzt zu werden, da ich niemandem mehr vertraute, nur noch meiner Familie und Lisa.

Aber die achte Klasse hatte auch was Gutes, wir sollten uns ein Langzeitthema raussuchen, über das wir längere Zeit recherchieren. Ich nahm meine Krankheit, weil ich mich unbedingt damit genauer beschäftigen wollte. Aber auch um zu wissen, was mich in der Zukunft erwartet. Ich recherchierte alles, auch über die anderen Typen meiner Krankheit. Es war für mich sehr interessant und die Seiten für meine Mappe füllten sich wie fast von alleine. Kirke machte ihr Langzeitthema auch über meine Krankheit, weil sie genauer wissen wollte, was ich für eine Krankheit habe. Sie wollte auch noch von einem anderen mit dieser Erkrankung wissen, wie es ist, mit dieser Krankheit zu leben. Sie fand heraus, dass an der Nachbarschule auch jemand die Erkrankung hat. Kirke bat mich mitzukommen, weil sich der Junge dann bestimmt wohler fühlt, wenn ein Betroffener dabei ist, sagte sie.

Wie Sie wissen, wollte ich eigentlich nie jemanden mit meiner Erkrankung kennenlernen, weil ich nicht sehen wollte, wie schlecht es ihnen geht. Aber irgendetwas reizte mich doch daran und ich sprang über meinen Schatten.

Leider wurden meine Sorgen Realität, ihm ging es schon schlechter als mir. Sonst fand ich auch schlimm, dass er sich zurückgezogen hatte, er hatte keine Freunde und wollte auch keine haben. Er hatte auch keinen Kämpferwillen, das kannte ich von mir gar nicht! Für mich gab es nur den Kampf gegen meine Krankheit, ich wollte der Krankheit nicht noch mehr Macht über mich geben. Vielleicht war es doch gut, dass ich mit gegangen bin, weil ich gesehen habe, dass mein Ansatz mit den Kämpfen nicht schlecht ist. Für mein Langzeitthema bekam ich eine zwei plus und meine Lehrerin schrieb mir dazu: „Liebe Michelle, ich habe deine Arbeit mit großem Interesse gelesen! Du hast die Sachverhalte gut verständlich und ausführlich dargestellt. Als Ergänzung hast du an drei Stellen gut ausgewählte Abbildungen eingebaut. Wie du die Krankheit als Teil deines Lebens annehmen kannst, hat mich beeindruckt“. Über diese Rückmeldung hatte ich mich sehr gefreut! Danach habe ich auch noch einen Vortrag über meine Krankheit in dem Naturwissenschaftskurs gehalten. Über meine Krankheit zu berichten, hat mir sogar sehr gefallen. Auch weil mir ernst gemeinte Fragen gestellt würden, die die Schüler wirklich interessierten.

Etwa zur selben Zeit bekam ich eine Nachricht vom Krankenhaus, dass sie ein Medikament gegen meine Krankheit entwickelt haben. Ich habe gelacht und geweint als wir die Nachricht bekamen. Ich war wirklich überwältigt von dieser Nachricht, darauf hatte ich schließlich immer gewartet. Das Medikament hieß „Olesoxime“, dies sollte die Krankheit stoppen und vielleicht erreichen, dass sich mehr Muskeln aufbauen. Um an der Studie teilnehmen zu können, muss man sich erst Tests unterziehen. In den Tests musste ich zehn Münzen unterschiedlicher Größe in meiner Hand schnellst möglich sammeln, dann ein gefaltetes Papier durchreißen, ein Muster exakt nachzeichnen. Sonst kamen noch krankengymnastische Tests zum Beispiel, ob ich meinen Kopf im Liegen anheben kann, oder ob ich von Bauchlage in die Rückenlage komme und so weiter. Wenn man die Tests hinter sich gebracht und genügend Punkte erreicht hatte, konnte man an der Studie teilnehmen. Ich hatte von allen Bewerbern der Studie die meisten Punkte erreicht, das hieß ich war die fitteste. Darüber freute ich mich riesig! Es gab 150 Plätze, die Hälfte der Teilnehmer sollten ein Placebo-Medikament bekommen. Placebo-Medikament heißt Scheinmedikament, dadurch wollten sie prüfen, ob das Medikament hilft. Die ganze Studie sollte zwei Jahre gehen und alle dreizehn Wochen sollte man wieder nach Essen kommen, um sich untersuchen zu lassen. Bei den Untersuchungen alle dreizehn Wochen sollten immer ähnliche Tests, wie ich oben schon beschrieben habe, gemacht werden, um zu schauen, ob man durch das Medikament mehr Punkte erreicht.

Des Weiteren, sollte jedes Mal eine Blutprobe, eine Urinprobe und eine Gewichtsüberprüfung erfolgen. Das Gewicht sollte jedes Mal überprüft werden, weil je nach Gewicht und Größe die einzunehmende Menge berechnet wurde. Das Medikament war ein Saft und wurde mit Hilfe eine Spritze aufgezogen, man sollte es täglich vor dem Abendessen einnehmen.

So sah „Olesoxime“ aus

Dann bekamen wir (meine Eltern, meine Schwester und ich) noch die ganzen Nebenwirkungen, die bei dem Medikament auftreten können, vorgelegt. Das waren viele, zum Beispiel: Kopfschmerzen, weicher Stuhlgang, niedriger Blutdruck, Schmerzen im unteren Rücken, erhöhte Leberwerte, Muskelverkrampfungen, Herzrasen, Ohnmacht und noch mehr. Deswegen bekam ich eine Woche Bedenkzeit, meine Eltern sagten zu mir, das müsse ich ganz alleine entscheiden. Ich dachte darüber nach, über die Nebenwirkungen und über die langen Fahrten (Hin- und Rückfahrt von insgesamt sechs Stunden) und die Kosten die für Sprit und Essen anfallen würden, die Kosten wurden aber erstattet. Ich entschied mich für die Studie, schließlich habe ich schon lange auf einen Fortschritt gewartet. Und selbst etwas dazu bei zu tragen, in dem Fall als Versuchskaninchen, war mir recht.