Die weiterführende Schule (2008 – 2014)

Sie wollten aber einen Antrag einreichen und somit um eine Fortsetzung der Studie bitten, sie sagten, wenn sie wissen wie es weitergeht, würden sie sich bei mir sofort melden. Das finde ich schlimm und sehr traurig, dass für solche Sachen, die einen Erfolg zeigen, kein Geld da ist! Obwohl von der Regierung und den Gemeinden so oft Geld für Sachen ausgegeben wird, auf die man hätte verzichten können, Stichwort Steuerverschwendung. Ach und wie viel Geld in den Sport zum Beispiel in Fußball gesteckt wird, ist echt unverschämt! Ich finde, kein Spieler sollte so viel Geld verdienen. Was man mit diesem Geld für Forschung betreiben könnte und für wie viele Krankheiten man dadurch schon einen Ansatz für eine Lösung des Problems der Krankheit entwickelt hätte haben können. Ich finde es sollte mehr Geld in die Forschung investiert werden und zwar ein deutlicher höher Satz als jetzt und einen geringeren Satz zum Beispiel für die Kunst. Sie werden mich jetzt bestimmt weniger sympathisch finden, wenn sie Fußballfan oder ein Liebhaber von Kunst sind, aber ich hoffe, wenn sie mal kurz ernsthaft darüber nachdenken, dass sie ein bisschen meinen Ärger nachvollziehen können. Die Gesundheit ist schließlich das wichtigste im Leben, aus diesem Grund sollten wir auch viel in diese investieren.

In der zehnten Klasse habe ich noch zwei nette Mädchen aus meiner Klasse genauer kennen gelernt, wir haben uns vorher schon gut verstanden, aber ab dort entwickelte es sich zu einer Freundschaft. Ich spreche von Alina und Sarah. Alina ist ein schüchternes Mädchen aber als wir uns besser kennenlernten, änderte sich das, sonst ist sie nett, freundlich, hilfsbereit, empathisch, klug und es ist immer lustig mit ihr. Sarah ist nett, freundlich, hilfsbereit, empathisch, sympathisch, ehrgeizig, umweltbewusst, klug und lehnt sich gegen Ungerechtigkeit auf. Sie war die einzige aus meiner Klasse, die ein offenes Gespräch mit der Clique führte, in dem sie das Verhalten der Clique mir gegenüber kritisierte, dafür bin ich ihr sehr dankbar. Wir konnten auch über vieles sprechen, ich erzählte ihr von meinem Problem mit dem Essen und sie konnte mich verstehen. Sie sagte, nicht wie andere, ich solle einfach mehr Essen, dann wird das schon wieder. Das ist wirklich einfacher gesagt als getan, man will ja mehr Essen aber es geht nicht. Es ist wie ein Kampf mit sich selbst. Aber Sarah sprach mir gut zu und brachte mich manchmal sogar zum Umdenken wegen meines Essverhaltens.

Dann stand ich kurz vor den Abschlussprüfungen, ich fing einen Monat vorher an zu lernen damit ich gut vorbereitet war und meine Angst nicht wieder ausbricht.

Aber je näher die Prüfung kam, umso mehr Angst bekam ich. Meine Prüfungen fielen nicht so gut aus wie meine Noten davor, aber ich bekam einen erweiterten Realschulabschluss. Mit dem Abschluss war ich berechtigt in die Oberstufe zu gehen. Ich wollte nicht mehr auf dieser Schule bleiben, um bestimmte Personen nicht mehr zu sehen. Deswegen meldete ich mich an der „BBS 1 Arnoldi Schule“ in Göttingen an, dies ist eine Wirtschaftsschule.

Ich wäre zwar viel lieber auf die BBS 3 gegangen, die ist für Soziales, die war aber nicht Rollstuhlgerecht also blieb mir keine andere Wahl als die BBS 1. Von der BBS 1 bekam ich sofort eine Zusage, meine Klassenlehrerin wollte mich zum Bleiben überreden. Aus diesem Grund erstellte sie mit mir eine Pro- und Kontra Liste, warum ich bleiben sollte und warum nicht, aber meine Entscheidung stand schon fest. Dann hatten wir eine schöne Abschlussfeier, bei der ich natürlich auch traurig war, es waren ja nicht nur schlechte Sachen an der Schule passiert.

Alle bis jetzt genannte Personen sind für mich wichtig geworden in der Zeit und mit jedem habe ich schöne Ding erlebt. Ich vergoss sogar einige Tränen. Mit Sarah, Alina und Kirke habe ich bis heute Kontakt, mit den anderen flaute der Kontakt leider nach und nach ab. Wie immer vor einem neuen Schuljahr musste ich einen Antrag für meine Einzelfallhilfe und den Fahrdienst stellen, das tat ich schon ein paar Monate vor meinem Abschluss. Dieses Mal, meinten meine Eltern, sollte ich den Antrag selbst einreichen, da ich alt genug sei (17 Jahre), also setzte ich mich an den Computer und schrieb einen Antrag. Als ich nach zwei Monaten immer noch keine Reaktion auf den Antrag kam, wunderte ich mich sehr und beschloss, beim Landkreis Göttingen anzurufen. Ich bat meine Mama zu zuhören, falls ich etwas nicht wüsste. Dann rief ich an, bis ich endlich eine Person am Telefon hatte, die sich dafür zuständig fühlte, verging schon eine halbe Stunde, dann antwortete mir die Dame sie könnte mir dazu noch nichts sagen, sie müsse sich erstmal damit beschäftigen und würde sich dann wieder melden. Zwei weitere Wochen vergingen und der Schulanfang rückte näher, ich war immer noch total im Ungewissen wie meine Zukunft aussehen würde. Endlich meldete sich die Dame und sagte mir, dass sie die Kosten nicht tragen werden und das für mich der erweiterte Realschulabschluss reichen würde. Das fand ich absolut beleidigend! Haben Rollstuhlfahrer etwa kein Recht auf Bildung, so wie es in den Gesetzen steht? Jeder weiß, dass man mit einer höheren Qualifikation leichter an eine Ausbildung kommt. Für meine Mama waren diese Worte so beleidigend, dass ich einfach so abgestempelt werde. Da hat es mir gereicht, ich habe der Dame gesagt, dass jeder ein Recht auf Bildung hat und wenn der Landkreis Göttingen mir das verweigern will, dann werde ich zur Not auch Klagen. Es gibt ein paar Dinge die ich hasse, das sind Vorurteile, wenn man mich unterschätzt oder als dumm abstempelt, Mitleid, Unpünktlichkeit, Lästereien, die Farben rosa/pink und Volks- und Schlagermusik. Nach dem Gespräch telefonierte ich mit einer Sozialarbeiterin, die sich mit Gesetzen für gehandicapte Menschen auskennt.

Sie suchte für mich Gesetze raus, wie das was ich schon genannt hatte, dass jeder das Recht auf Bildung habe und so weiter. Das war wirklich klasse! Die gesammelten Gesetze wurden dann unverzüglich an den Landkreis geschickt. Und dann, nach mehreren Wochen, aber noch pünktlich zum Schulbeginn kam doch eine Genehmigung vom Landkreis Göttingen. Wenn wir (also meine Eltern und ich) nicht gekämpft hätten, dann wären mir mein Recht verwehrt geblieben.

Leider muss man als Mensch mit einer Einschränkung für völlig normale Dinge immer wieder Kämpfen! Ab dort fuhr ich wieder mit demselben Fahrdienst, wie in der fünften Klasse aber immerhin wurde man jetzt richtig angeschnallt. Dafür lässt die Pünktlichkeit oft zu wünschen übrig und wenn ich krank war oder es eine Änderung im Stundenplan gab, rief ich in der Leitstelle an und klärte sie über die Änderung auf. Aber ich wurde dann immer noch mehrmals von den Fahrern gefragt, wie es den jetzt aussehe. Das fand ich nervig und das zeigte ich den Fahrern auch, da frage ich mich, warum ich überhaupt anrufe, wenn ich dann noch fünfmal gefragt werde. Ich muss das ja schließlich nicht nur mit ihnen abklären, sondern auch noch mit meinen Einzelfallhilfen (Ich habe zwei Einzelfallhilfen die sich die Woche untereinander aufteilen). Wenn man das erstmal mit den dreien geklärt hat, dann ist man auch von froh, dass man dies hinter sich hat und hofft auf Ruhe.

Kurze Zeit vor dem Schulbeginn wollte mich meine Klassenlehrerin schon mal kennenlernen und mich durch die Schule führen. Sie sagte, sie hätte auch schon mit dem Sekretariat abgeklärt, dass mir nur Räume zugeteilt werden, die mit dem Rollstuhl zu erreichen sind, sie meinte, das sollte dem Sekretariat zwar bewusst sein, aber sicher ist sicher. Dass sie sofort an solche Sachen dachte, beeindruckte mich sehr, sie erzählte mir, dass sie an solche Kleinigkeiten denkt, weil ihr Mann selbst im Rollstuhl sitzt. Schon im Vorfeld kann ich sagen, dass sie zwar eine strenge aber sehr gute Lehrerin war, ich würde sogar sagen die beste, die ich während meiner gesamten Schulzeit hatte.

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